Was ist Schematherapie?


Die Schematherapie wurde von Jeffrey Young begründet und stellt eine Weiterentwicklung der kognitiven Verhaltenstherapie dar. In dieser modernen, integrativen Therapieform werden Elemente aus verschiedenen Psychotherapieansätzen sowie Erkenntnisse aus der Forschung kombiniert: u.a. Gestalttherapie, imaginative Verfahren, Bindungsforschung, psychodynamische Ansätze, Verhaltenstherapie, Neurobiologie, Therapiewirksamkeitsforschung. 
Dieser Therapieansatz wird bei vielen psychischen Erkrankungen und Beschwerden eingesetzt. Aktuelle Studien belegen der Schematherapie ein breites Wirksamkeitsspektrum, vor allem bei chronischen psychischen Erkrankungen und Persönlichkeitsakzentuierungen und -störungen. 

 

Schemata werden in der Kindheit und im Verlauf des Lebens erworben. Ein Schema ist ein Muster aus Gedanken, Gefühlen, Körperempfindungen und damit zusammenhängenden Erinnerungen, welches das Verhalten steuert. 

Menschen haben eine Reihe von Grundbedürfnissen. Evolutionspsychologisch dienen sie dem Fortbestand und Weiterentwicklung unserer Art. Grundbedürfnisse sind angeboren und bestehen lebenslang. Neben unseren körperlichen Grundbedürfnissen wie bspw. Luft, Nahrung, Schlaf haben wir auch psychische Grundbedürfnisse: unter anderem das Bedürfnis nach sicherer Bindung, das Bedürfnis nach Autonomie oder nach Freiheit im Ausdruck von Emotionen. Besonders in der Kindheit und Jugend ist die Erfüllung der Grundbedürfnisse durch die primären Bezugspersonen essentiell für unsere gesunde Entwicklung. 

Die Schematherapie geht davon aus, dass viele Störungen entstehen, wenn in der Kindheit und Jugend emotionale Grundbedürfnisse häufig nicht oder nur unzureichend erfüllt wurden. Das hinterlässt emotionale Wunden und es können ungünstige, sogenannte maladaptive Schemata entstehen. Wenn Grundbedürfnisse verletzt oder nicht erfüllt werden, entsteht eine starke emotionale Anspannung. Um damit umgehen zu können, werden lebensnotwendige Bewältigungsstrategien (Überlebensstrategien) entwickelt. Solche Schemata und Bewältigungsstrategien können zu einem späteren Zeitpunkt im Leben, im Erwachsenenalter, zu Problemen im Alltag führen und sich negativ auf Beziehungen zu anderen auswirken. 

Als Erwachsener können Situationen, Personen oder auch Gedanken bei jedem von uns einen „wunden Punkt“ treffen, uns sozusagen „antriggern“. Das bedeutet, dass in unserem Kopf ein altes Muster ausgelöst, ein Schema und die damit verbundenen Bewältigungs- bzw. Überlebensstrategien aktiviert wurden. Diese ausgelösten starken Gefühle und Handlungstendenzen laufen oft automatisch ab und können häufig nicht kontrolliert werden. Es fühlt sich an, als ob man selbst „nicht mehr am Steuer sitzt“. 

 

Die Schematherapie geht der ganz persönlichen Entwicklungsgeschichte eines Menschen und ihren konkreten Einflüssen auf heutige Herausforderungen auf den Grund. Sie macht die Zusammenhänge sichtbar und verständlich und hilft sehr konkret dabei, alte Wunden wirksam und nachhaltig zu versorgen und in Momenten emotionaler Überforderung den Kurs zu ändern – von den belastenden Gefühlen und der alten gewohnten, sogenannten „dysfunktionalen“ Reaktion hin zu einem positiveren Gefühl, zu neuen hilfreichen Reaktionsweisen in der Gegenwart. 



Schematherapie ist 

  • klärungsorientiert: Verstehen der eigenen Schemata und deren Entstehung sowie das Zusammenwirken innerer Anteile (sogenannter Modi), kognitive Interventionen 
  • erlebnisorientiert: emotionsaktivierende Techniken (Imaginationsübungen, Stuhldialoge) 
  • handlungsorientiert: verhaltensbasierte Interventionen (Erproben und Üben von neuen, hilfreichen Verhaltensmöglichkeiten) 


In der Schematherapie ist eine gute therapeutische Beziehung von elementarer Bedeutung. Echte Wertschätzung, Vertrauen, Begegnung auf Augenhöhe, emotionale Wärme und auch Spaß in der Therapie sind die Basis, die ein neues Erleben und Weiterentwicklung ermöglichen. 



Fallbeispiel: Monika 

Bereits als Kind musste Monika schon sehr früh Verantwortung übernehmen. Sie wuchs gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Ihre Mutter versuchte, so gut es ihr möglich war, für die Familie zu sorgen, jedoch war sie häufig damit überfordert, schwach und erschöpft, musste sich nach der Arbeit meist hinlegen. Dadurch übernahm Monika früh Funktionen ihrer Mutter, z.B. indem sie einkaufen ging, Essen vorbereitete, und auch die „Mutterrolle“ für ihren jüngeren Bruder (u.a. dass dieser pünktlich zur Schule kommt, seine Jause dabei hat). Dadurch entwickelte Monika das Schema Aufopferung „Ich muss für das Wohl der Anderen sorgen; ohne mich bricht alles zusammen“. 

Als Erwachsene macht Monika alles für Andere, egal ob in ihrer Ehe, in Freundschaften oder am Arbeitsplatz. Sie achtet kaum auf ihre eigenen Bedürfnisse, stellt diese immer hinter die Wünsche ihrer Mitmenschen und kann nicht Nein-Sagen. Dies zehrt sehr an Monikas Kräften und ihrem Wohlbefinden, sie leidet zunehmend unter Erschöpfung und depressiver Verstimmung. Eine gute Freundin ratet ihr mittlerweile öfters, dass sie doch einfach mal Nein sagen und auf sich schauen solle. Dies scheint für Monika jedoch schier unmöglich umsetzbar zu sein, sie verspürt dabei innere Unruhe und starke Schuldgefühle. 

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Literatur

Roediger, E. (2014): Wer A sagt… muss noch lange nicht B sagen. München: Kösel. 

Roediger, E. (2018): Was ist Schematherapie? (3. Auflage). Paderborn: Junfermann.